Wie geht denn die Distributionsanalyse, und was soll sie?

Ihr Zweck ist eine Explikation des grammatisch angezeigten Gefüges der Propositionen und Inferenzen, das die zur Diskussion stehende Äußerung exemplifiziert. Ihr Verfahren ist ein konstruktionsanalytisches; das Ergebnis eine Strukturbeschreibung.

Der erste Schritt ist eine ausdrücklichere Darstellung dessen, was der Sprecher dem Hörer vom Standpunkt des Beobachters aus zu verstehen gibt. Kaum etwas anderes als jene hermeneutischen Operationen Schleiermachers, die wir oft dann anstellen, wenn wir mit dem gewöhnliche Grade des Verstehens nicht zu Rande kommen.  Der zweite besteht, darin diese Explikation hinsichtlich ihrer logischen Komplexität grammatisch zu kennzeichnen. Was aber (wenn es nicht nur oberflächengrammatische Kategorisierung bleiben soll) nur geht, wenn man die logische Genese der komplexen sprachlichen Ausdrucksform, sozusagen ihre Geschichte der Grammatikalisierunng nachzuzeichnen versucht. Die Methode dieser Analyse ist die der sinn- und bedeutungsäquivalenten  Substitution der zur Diskussion stehenden sprachlichen Ausdrücke; ein linguistisches Gedankenexperiment, bei dem es darauf ankommt, den Wortlaut der sprachlichen Äußerung in einem bestimmten Sinn wörtlichzunehmen. Welche Substitutionen dabei gehen, das herauszufinden und darzustellen, setzt eine erhebliche Kenntnis der Sprache und der Welt von Sprecher und Hörer voraus; die Substitutionsexperimente spielen ja mit ihren sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Was dabei schließlich herauskommt, ist (bildlich gedacht) die Bestimmung des Orts der zur Diskussion stehenden sprachlichen Ausdrucksform innerhalb eines offenen Netzes sprachlicher Verweisungszusammenhänge. Der sprachtheoretische Bezugsrahmen der Analyse ist auch so gesehen der eines (wenn man so will) pragmatischen Holismus.

Und ihre sprachdiagnostische Bedeutung? Zweifellos lässt die Analyse der sprachlichen Formen kindlicher Äußerungen auch Rückschlüsse auf Dimensionen und Niveaus ihrer sprachlichen Ausdruckfähigkeit zu. Vorausgesetzt, die Analyse verfährt entsprechend. Angesichts des folgenden Beispiels wäre ein Indikator von Sprachkompetenz etwa der Grad der Grammatikalisierung bestimmter sprachlicher Ausdrucksformen. Vorausgesetzt, man verfügt über eine überzeugende Theorie der Unterscheidung elementarer und komplexerer sprachlicher Handlungsformen.

Der sprachdiagnostisch exemplarische Fall, konstruktionsanalytisch andeutungsweise beschrieben:

Laurin beobachtet, wie die junge Hündin Ivy einen Bogen um einen am Rand der Straße liegenden gelben Plastikmüllsack macht und wie seine Mutter der Hündin verständlich zu machen versucht, dass sie keine Angst zu haben braucht. Sein Kommentar, als das mehr und mehr zu gelingen scheint:

Ich glaub, die Ivy denkt, dass das Tiere sind. So Mülltiere.

(1) Explikation der inferentiellen Struktur der sprachlichen Äußerung:

Also. Da liegen doch diese gelben Mülltüten. Die sieht Ivy und schreckt davor zurück. Da denkt sie: das, was sie da sieht, das sind Tiere. Das glaube ich. Sie denkt, vernute ich, dass es Tiere sind, die im Müll leben. Dass es Tiere sind, die man deswegen sozusagen Mülltiere nennen kann.

Was macht hier die Logik der Explikation aus? Es handelt sich um nichts anderes als um jene hermeneutischen Operationen (Schleiermacher), die die wir praktiizieren, wenn wir eben mit dem gewöhnlichen Grade des Verstehens nicht zu Rande kommen. Um eine ausdrücklichere Darstellung der Äußerung von P1 gegenüber P2 in der Perspektive von P3 der besseren Verständlichkeit halber. Eine, mit der der Gehalt, de Form und die Intention reflexiv artikuliert wird. Mindestens darauf nimmt jede Strukturbeschreibung implizit oder explizit Bezug.

(2) Eine erste Beschreibung der logischen Struktur der sprachlichen Äußerungsform:

P1 glaubt, dass P3 denkt, dass X als N zu klassifizieren sei. Als ein N, dass die besondere Kennzeichnung K verdient.

P1 artikuliiert seine Überzeugung (?), dass P3 der Überzeugung ist, dass..., indem sie die folgende grammatisch darstellbare Ausdrucksform wählt:

P1 glaubt dass x; für x = P3 denkt dass y; für y = z sei der Fal; so dass...

(3) Und eine erste grammatisch relevante Kennzeichnung der Struktur; exemplarisch: so Mülltiere:

Ich glaub, die Ivy denkt, dass das Tiere sind. So Mülltiere:

... Tiere, die im Müll leben. ..., die man deswegen als so ne Art sozusagen "Mülltiere" bezeichnen kann.

... denn es gibt ja Haustiere, Wassertiere, Waldtiere, Zootiere, also geht auch Mülltiere

(4) Grammatische Kompetenz? Was das Kind zu kennen scheint, sind

elementare Formen des Ausdrucks (der Zuschreibung) von bestimmten intentionalen Zuständen, nämlich HS-NS-Konstruktionen der Form komplexer HS-Inhaltssatz-Inhaltssatz-Konstruktion

eine bestimmte pronominale Deixis der Form das-was-da... im gemeinsamen Wahrnehmungsraum

eine qualifizierende nominale Kennzeichnung der Form ein Y der Art X

ein Muster nominaler Wortbildung der Form Wenn von A gesagt werden kann, dass p, dann PA, also auch PA im besonderen Fall F

(5) Was für eine Beschreibung grammatischer Kompetenz ist das?

Sie scheint mehrere Schwächen zu haben. Sie vermengt Form- und Funktionsbestimmungen, anstatt beide zun trennen; sie lässt auch so gesehen im unklaren, inwiefern das Prinizp form follows function gelte. Sie bleibt, was die Bestimmung der morphosyntaktischen und morphologischen Aspekte der Satz- und Wortbildung angeht, undeutlich. Sie ist, begriffssprachlich (terminologisch) gesehen, relativ ungenau; denn wie zum Beispiel soll die Unterscheidung zwischen Form, Gehalt und Intention zu verstehen sein? Sie vermengt darüber hinaus das Vokabular der Beschreibung grammatischer Sachverhalte mit ihrer nachgerade selbstverständlchen Kenntnis. Und sie übergeneralisiert wahrscheinlich die grammatischen Kompetenzzuschreibungen; denn es ist ja keineswegs ausgemacht, dass das Kind die genannten sprachlichen Ausdrucksformen mehr als nur kontextabhängig und situationsgebunden kennt.  

(6) Und was würde eine klassische Distributionsanalyse hergeben? Nichts anderes als eine morphosyntakische Darstellung der Struktur, der Form des komplexen sprachlichen Ausdrucksschemas, das die Äußerung exemplifiziert; eine oberflächengrammtische Kennnzeichnung seiner Elemente und Relationen, wie sie zum Beispiel Schulgrammatiken lehren: der Satz

Ich glaub, die Ivy denkt, dass das Tiere sind.

bestehe aus mehrern Satzgliedern und entspreche dem Sujekt-Prädikat-Objekt-Schema. Das Subjekt sei als nominale Größe zu kennzeichen, die in diesem Fall pronominal ersetzt sei, und das Prädikat habe ein Objekt zu Folge, dass durch einen Teilsatz ersetzt sei, der sich semantisch als ein propositionaler Gehalt kennzeichnen ließe. Wobei die dass--Satz-Form des ersten für das Objekt stehenden Teilsatzes durch eine dem Muster des Aussagesatzes entspechende Kurzform ersetzt sei usw.

Was macht also die Distributionsanalyse sprachtheoretisch, sprachanalytisch und sprachdidaktisch gesehen aus? Und was sind Missverständnisse ihrer Funktion? Sie ist zunächst nichts anderes als der Versuch, das strukturelle Gefüge der sprachlichen Ausdrucksformen mit grammatischen Kennzeichnungen transparent zu machen; und das mit Hilfe von gedankenexperimentellen Substitutionstests. Dabei entsteht ein vorläufiges, ein satzgrammatisch konturiertes Bild vom sprachlichen Ausdrucksrepertoire des Sprechers. Der sprachfähige Sprecher scheint eine Person sein, die eine gewisse grammatische Kompetenz besitze, weil er zwischen Satzarten, Sätzen, Satzgliedern usw. der äußeren Form nach operational und kategorial unterscheiden kann. Eine sprachfähige und sprachbewusste Person, die zum Beispiel weiß und erklären kann, um welche Wortart es sich bei dem Ausdruck Tiere handelt oder welche Rolle etwa das Fehlen des bestimmten Artikels spielt. Aber ist es das, worauf es bei der Diagnose sprachlicher Fähigkeiten ankommt? Reicht eine sttazgrammatische Rasterfahndung aus, wenn wir wissen wollen, wie sich das kindliche Sprachverständnis und der kindliche Sprachgebrauch entwiickeln? Was genau sind die grammatischen Operationen von Kindern, wenn sie mit dern sprachlichen Umgangsformen ihres soziokulturellen Milieus konfrontiert sind? In welcher Sprache artikulieren sie, wie sie verstehen, was sie verstehen? Kurz - wann halten wir Kinder für grammatisch kompetent?

Grammatiscche Analyse

Problemfeld