Falldiskussion

Was geschieht, wenn sprachliche Äußerungen kleiner Kinder sprachdiagnostisch beschrieben und bewertet werden? Auf den ersten Blick nur dies: sie werden als Aktualisierungen von Mustern (von Schemata) jener sprachlichen Ausdrucksfähigkeiten wahrgenommen, die die sprachlichen Entwicklungsstände exemplifizieren, die man entwicklungs- oder kompetenztheoretisch für mehr oder weniger relevant hält. Die Praxis der Identifikation diagnostisch und prognostisch passender sprachlicher Daten scheint so gesehen keine besonderen Probleme zu machen: weiß die Psychologin, was zum Beispiel etwa dreijährige Kinder den einschlägigen Lehrbüchern zufolge sprachlich können und wissen sollten, dann dürfte sie diagnostisch kaum Probleme haben.

Wenn man sprachdiagnostische Prozesse aber genauer beobachtet, zeigt sich schnell, dass die Praxis der Datenkonstitution komplexer ist: ohne eine Interpretation und eine Explikation der sprachlichen Äußerungen lässt sich nämlich gar nicht feststellen, welche sprachlichen Ausdrucksformen und Ausdrucksschemata sie exemplifizieren. Die Diagnostikerin kommt nämlich (1) nicht umhin, die Rolle der gedankenexperimentell teilnehmenden drtitten Person einzunehmen und ihrerseits die wechselseitigen Interpretationen der zweiten und der ersten Person zu interpretieren. Sie kommt dabei (2) nicht umhin, ihre Interpretation der Interpretationen in einer expliziten Form darzustellen. Kurz - Interpretation und Explikation sind elementare Schritte der sprachdiagnostischen Praxis. Und das selbstverständlich innerhalb des jeweils gewählten (alltags)theoretischen Bezugsrahmens des Verständnisses sprachlicher Fähgkeiten und ihrer Entwicklung.

Genau das soll die Falldiskussion zeigen. Das Beispiel hat es in sich; es stellt durchaus interpretatorische und analytische Anforderungen.

Der sprachdiagnostische Kontext: eine falldiskussionsbasierte Kritik bestimmter Praktiken (Heidenheim 2010).

Problemfeld