Grammatische Kompetenz

Grammatische Kompetenz hat, wer sprachanalytische Kompetenz hat; wer in Situationen der Darstellung von Verständnissen Intention, Gehalt und Form sprachlicher Äußerungen bzw ihrer (schrift)sprachlichen Ausdrücke unter pragmatischen, semantischen und syntaktischen Aspekten darstellen und erläutern kann. Und dabei mit angemessenen Beschreibungen und Unterscheidungen grammatischer Sachverhalte vertraut ist; etwa mit jenen der aktuellen wissenschaftlichen Grammatiken des Deutschen.

Grammatische Kompetenz hat, wer die (schriftkompetenzgebundene) Kunst beherrscht, jene besonderen Regeln anwenden und erläutern zu können, derer sich bedient, wer sprachliche Ausdrücke in Sätze, Wörter, Silben und einfache Laute, Phoneme, analytisch zu zerlegen und dann wieder synthetisch zusammenzusetzen vermag. Grammatische Kompetenz hat also eine Person, die sprachliche Sachverhalte analytisch und begrifflich angemessen zu beschreiben vermag; eine Person, die die Handhabung grammatischer Verfahren, insbesondere die der Distributionsanalyse beherrscht.

Grammatische Kompetenz ist kein irgendwie intuitives Knowing How sondern ein reflexives, ein ausdrückliches Knowing That. Beides zu verwechseln, hat zu einer grammatik- und sprachtheoretisch folgenschweren Verwechslung geführt: zur Verwechslung der praktischen Kenntnis und Vertrautheit der Interpretation und Formulierung sprachlicher Ausdrücke mit einem nachgerade schulgrammatischen Lehrbuchwissen darüber.

Es gibt nicht das implizite Regelsystem der Sprache, die grammatische Regelkompetenz – gedacht als fest verdrahtetes Regelsystem in den Köpfen der Sprecher. Die psychlolinguistische Vorstellung von der psychischen Natur des impliziten grammatischen Wissens ist eine Fiktion, Was wir grammatisch können und wissen, das verdanken wir nicht einer Sprache des Geistes sondern der Sprache (den Sprachen) der Kultur(en). Nicht das mentalesich sprechende Bewusstsein sondern die sprachlich denkende Person ist es, die grammatisch kompetent ist. Die grammatischen Operationen, mit denen wir die Beschreibung der Gestalt, der Form, der Struktur sprachlicher Äußerungen zu begründen versuchen, sind Teil einer Kultur des Wissens über die Sprache.

Und das sog. Sprachbewusstsein? Es geistert als Sprachbewusstheit durch manches Projekt der bildungswissenschaftlichen Kompetenzforschung und Kompetenzdiagnostik (exemplarisch Beck/Klieme 2007); nicht selten als eine irgendwie ncht mehr nur implizite, sonderm explizite sprachliche Informationsverarbeitung, als eine gewisse Metakompetenz beschrieben. (Wissenspsychologisch begriffskritisch mit Bezug auf die Methodik der Lernstandsbestimmung im Fach Deutsch: Bremerich-Vos 2008.) Einen Bezug zum aktuellen sprachtheoretischen Diskurs über symbolische Fähigkeiten findet man bei der durchweg mentalesisch geführten Meta-Debatte eher nicht; dass insbesondere höherstufige kognitive Kompetenzen symbolische Medien voraussetzen, scheint der diagnostischen Methodologie entgangen zu sein. Dabei sind es die Technologien des Geistes, die unser Bewusstsein formen. Die Aneignung grammatischer Begriffe zum Beispiel geht mit der Kennntnis der Schrift einher; orthografische Kompetenz mit grammatischen Sprachverständnis. Denn die Schrift, das spürt schom jedes Kind, ist die grammatische Interpretation der Sprache; die begrifflliche Unterscheidung der Wortarten lernen Kinder nicht selten im Orthografieunterricht. Dabei wird aus einem ausdrücklichen grammatisch motivierten Regelwissen mehr und mehr ein selbstverständliches Regelbefolgen, aus einem Wissen-Dass ein Wissen-Wie.

Aber stimmt das generell, muss man zunächst beschreiben können, was man tut, damit man tun kann, was man beschreibt? Manche Lehrer stellen sich das so vor; sie lehren Grammatik, als würde grammatisch kompetente Sprecher in grammatischen Lehrbüchern nachsehen, wenn sie sprachliche Äußerungen tun (oder zu tun beabsichtigen). Offensichtlich sind zwei Dimensionen grammatischer Kompetenz zu unterscheiden: die praktische und die analytische. Wer sich sprachlich äußert, der handelt in den Augen eines Beobachters so, als würde er bestimmte Regeln des sprachlichen Ausdrucks befolgen. Aber die Beschreibungen dieser Regeln sind nicht das, woran er sich hält. Das grammatische Bewusstsein, das Sprachbewusstsein des Sprechers funktioniert anders. Anders vor allen Dingen auch als formalisierte, mathematisierte Modelle der (Beschreibung der) Sprachfähigkeit nahelegen.

(Auszuarbeiten)

Sprachbewusstsein

Problemfeld