Grammatische Kompetenz diagnostisch

Sprachdidagnostiker arbeiten ja , wenn sie grammatische Kompetenz zu beschreiben versuchen, mit einem bestimmten Verständnis der Entwicklung, Aneignung und Förderung bestimmter sprachlicher Ausdrucksformen. Nicht selten setzen sie dabei höhere strukturelle Komplexität von Äußerungen mit höherer sprachlicher Ausdruckfähigkeit gleich. Als würde der Grad der Grammatikalisierung der sprachlichen Form einer Stufe der ihrer Aneignung entsprechen. Exemplarisch ist in dieser Hinsicht zum Beispiel die Vorstellung, Kinder würden bei der Entwicklung ihrer sprachlichen Darstellungsfähigkeit grammatisch gesehen gewissermaßen vom einfachen Satz zur Satzreihe, dann zum komplexen Satz und zu seinen eliptischen Formen fortschreiten. Und Kinder, die kausale oder intentionale Ereignis- oder Handlungszusammenhänge mit weil-Sätzen artikulieren können, seien in ihrer sprachlichen Entwicklung schon weiter als andere.

Was stimmt da nicht? Wieso bildet die strukturelle Komplexität nicht doch das Niveau grammatischer Kompetenz ab? Wenn man sich an die Vorstellung hält, dass strukturelle Komplexität ein Indikator konstruktionaler Komplexität ist, was spricht dann dagegen? Ist nicht doch jenes fünfjährige Kind weiter, dass beim Geschichtenerzählen temporale Konjunktionen verwendet, statt mit einer Abfolge von und-da-Sätzen zu arbeiten? Konstruktionsgrammatiker sehen die Dinge anders, vielleicht angemessener. Wenn Kinder eine Sprache lernen, dann eben gerade nicht nach dem Prinzip Vom Elementaren zm Komplexen, vom ersten Wort zum einfachen Satz zum komplexen Satz zum Text - sondern so, daß sie die mehr oder weniger komplexen sprachlichen Ausdrucksweisen ihrer sozialen Mitwelt auf ihre Weise re-konstruieren, indem sie deren Formen funktionsbezogen rekombinieren. Sie lernen Variationen des sprachlichen Ausdrucks kennen, entwickeln ein Verständnis für die deren funktionale Diffeenzen und entwickeln nach und nach so etwas wie ein intuitives Verständnis der Form und der Funktion der Schemata des sprachlichen Ausdrucks. So jedenfalls die Vorstellung der Konstruktionisten. ...