Sprachanalyse: Thesen

1. Die Sprachanalyse ist ein Teil, wenn nicht die Basis der sprachdiagnostischen Praxis. Denn das sprachdiagnostische Urteil hängt ja auch davon ab, welche Intention, welche Bedeutung, welche Form wir den sprachlichen Äußerungen der Kinder zuschreiben - und wie wir sprachliche Kommunikation überhaupt verstehen.

2. Die sprachliche Kommunikation kann man darstellen als einen Prozess der wechselseitigen Interpretation der Äußerungen der jeweils anderen Person. So gesehen macht die Sprachanalyse die wechselseitigen impliziten Interpretationen explizit. Sie stellt gewissermaßen eine sekundäre Interpretation der wechselseitigen Interpretationen der Akteure dar. Sie ist die interpretative Rekonstruktion der wechselseitigen Interpretation(en) der miteinander sprachlich Handelnden.

3. Die Sprachanalyse ist perspektivenabhängig: die Perspektive der zweiten Person ist eine andere als die der ersten Person; die der beobachtenden dritten Person eine andere als die des Analytikers. P1 agiert, P2 interagiert; P3 interpretiert die Interaktion in der Rolle des hypothetischen Mitspielers. P4 nimmt demgegenüber den Standpunkt analytischer Distanz ein.

4. Die Sprachanalyse als methodisch verfahrende Explikation der impliziten wechselseitigen Interpretationen setzt eine eigene, eine begrifflich durchdachte Sprache der Beschreibung voraus; ein analytisches Vokabular, das es uns erlaubt, angemessen und sinnvoll insbesondere zwischen der kommunikativen Intention, der sprachlichen Bedeutung, dem gedanklichen Gehalt, der logischen und der grammatischen Form des Ausdrucks der sprachlichen Äußerungen zu unterscheiden. Das schließt grammatische Beschreibungen und Unterscheidungen ein.

5. Alltagstheoretische, insbesondere psychologistische Vokabulare der Beschreibung sprachlicher Äußerungen taugen dazu in der Regel nicht. Alltagsweltliche linguistische Intuitionen sind nicht selten durch grundbegriffliche Anleihen (beispielsweise intentionalitäts- und bedeutungstheoretischer Art) geprägt, die sich einer unkritischen Weitergabe und Aneignung bestimmter sprach-, bewusstseins- und verstehenstheoretischen Traditionen verdanken; insbesondere abbildtheoretischen.

6. Der theoretischer Bezugsrahmen hier ist ein holistischer, der des sprachtheoretischen Pragmatismus: Sprachverstehen und Sprachgebrauch als intersubjektive symbolische Praxis. Sprachanalyse ist so gesehen eine Kunst der Beschreibung dessen, wie wir zu verstehen geben, was wir sagen, meinen und denken, indem wir sprachlich handeln.

7. Sprachanalyse ist auch mit Bezug auf sog. Standards der sprachlichen Fähigkeiten und Kenntnisse nicht zu umgehen; weder hinsichtlich des Verständnisses konkreter (mag sein, experimentell evozierter) sprachlichen Äußerungen, noch hinsichtlich des (theoretisch fundierten) Verständnisses des Verstehens sprachlicher Praktiken und Kompetenzen.

Problemfeld