Sprachentwicklung?

Wer sprachdiagnostisch tätig ist, der hat auch eine Vorstellung davon, wie sich die kindliche Sprachfähigkeit entwickelt, welche Bedeutung dabei die genetische und die kulturelle Vererbung (genauer gesagt: ihr Zusammenspiel) hat, wie sich Formen und Stadien der Aneignung einer Sprache unterscheiden lassen, ob es so etwas wie altersspezifische Entwicklungsstufen gibt, woran man eine höher entwickelte Sprachfähigkeit und ein höher entwickleltes Sprachverständnis erkennen kann, welche Rolle der Erwerb der Schrift beim weiteren Spracherwerb spielt, wie der Erwerbsprozess von den weiteren Medien beeinflusst wird - undsoweiter. Und selbstverständlich beschäftigt ihn dabei auch das Problem des Erwerbs grammatischer Kompetenz - und damit zusammenhängend das Problem, was die Grammatik einer Sprache ausmacht und wie der Sprecher einer Sprache sie im Kopf hat.

Sprach-, kultur- und entwicklungswissenschaftlich gesehen spricht, was alle diese Fragen angeht, viel für die Theorie (und die Empirie) der Forschung über die Origins of Human Communication (2008) von Michael Tomasello. Diagnostisch durchaus relevante Erkenntnisse hinsichtlich des Verständnisses der Aneignung und Förderung sprachlicher Fähigkeiten referiert in Stichworten die Heidenheimer Vorttragspräsentation 2010.

Die Grundzüge seiner Theorie der evolutionären, historischen, kulturellen, sozialen und individuellen Genese der Sprachfähigkeit sind pointiert dargestellt in: Michael Tomasello: Why we cooperate. Cambridge (Mass.)/London 2009. Inzwischen diskutiert auch die Deutsche Zeitschrift für Philosophie (zum Beispiel in Heft 1/2011) Tomasellos Konzept der Entwicklung der Fähigkeiten zur sprachlichen Kommunikation; intentionaliäts- und interaktionstheoretisch ausführlich, sprach- und grammatiktheoretisch aber eher beiläufig. Tomasellos Rekurs auf die aktuelle Constructional Grammar (zum Beispiel Michael Tomasello: Constructing a Language. Cambridge (Mass.)/London 2003) hat durchaus repräsentationalistische Züge - und passt zu einem Wittgensteinianischen linguistischen Pragmatismus wenger gut, als er zu denken scheint. Unklar ist bei Konstruktionalisten wie Croft (Radical Construction Grammar. Oxford 2001), was von der starken Behauptung zu halten ist, Konstruktionsgrammatiken repräsentieren das grammatische Wissen des Sprechers einer Sprache. Aber wie auch immer - schon das experimentelle Design der entwicklungswissenschaftlichen Forschungsprojekte Tomasellos eröffnet ganz andere diagnostische Perspektiven als der psycholinguistische Empirismus. Was es heißt, zu verstehen, wie Kinder verstehen, was andere und sie selbst äußern, dieses forschungmethodisch elementare hermeneutische und analytische Problem geht Tomasello, scheint es, nachgerade interaktionistisch an. (Alle Literatuangaben zu Tomasellos Konzept der Phylo-, Sozio- und Ontogenese der Fähigkeit zu sprachlicher Kommunikation.)

Die kulturelle Genese der sprachlichen Kommunikationsfähigkeit: Differenzierungen (nach Tomasello 2008):

Menschliche kooperative Kommunikation:
ihre inhärente sozial-kognitive Infrastruktur
deren inhärente intersubjektive Intentionalität

Sprachliche Kommunikation: ihre funktionalen Erfordernisse und ihre konstruktionalen Schemata:
etwas erbitten, die anderen informieren, sich anderen mitteilen.

Sprachliche Kommunikation, ihre elementaren grammatische Dimension:
Konventionalisierung und kulturelle Übertragung sprachlicher Konstruktionen: Grammatik des requesting, Grammatik des informing, Grammatik des sharing und der narration

Drei wesentliche funktionale Dimensionen und konstruktionale Schemata:
zu etwas auffordern: Funktionen und Formen: einfache Syntax
andere informieren: Funktionen und Formen: komplexere Syntax
sich anderen mitteilen:Funktionen und Formen: kreative Syntax

Konventionalisierung: ein kulturell-historischer Prozess; Emergenz komplexerer Kognition
zum Beispiel: die Genese sprachlicher Konstruktionen des Erzählens von Geschichten

Sprachliche Konstruktionen: als Bedeutung tragende Schemata des Sprachgebrauchs

Grammatische Konstruktionen:
die Folge von kulturellen Prozessen der Grammatikalisierung
grammatische Konstruktionen/Strukturen: keine formalen linguistischen Universalien!

Grammatikalisierung:
“Todays´s morphology is yesterday´s syntax” und “today´s syntax is yesterday´s discourse” (Tomasello)
zum Beispiel: die Grammatik der Narration, des Erzählens, der Geschichten

siehe: Michael Tomasello: Origins of Human Communication. Cambridge (Mass./London) 2008. - Deutech 2009.

Problemfeld