Sprachtheorien; Tomasello

Tomasellos Begriff der Sprache, der Sprachfähigkeit, der Formen und Funktionen sprachlicher Kommunikation, der Grammatik(en) der Sprache(n), schematisch skizziert (nach Tomasello 2008). Der theoretische Kontext: Tomasellos Version der Constructional Grammar und seine Theorie der Sprachentwicklung. Den Stand seiner Emtwicklungsforschung insgesamt stellt der unten angeführte Artikel Tomasellos Human Culture in Evolutionary Perspective (Tomasello 2011) dar. Sprachtheoretische Bezüge zum gegenwärtigen Pragmatismus und Holismus (Brandom, Davidson zum Beispiel) sind in der Heidenheimer Präsentation von 2010 angedeutet.

Eine sprach-, kommunikations- und kooperationstheoretisch differenzierte Kritik der Sprachentwicklungsforschung Tomasellos (siehe Exkurs zu Tomasello 2008) sollte drei zentrale Probleme thematisieren: 1. die Theorie der Intentionalität, 2. die Theorie des Verhältnisses von Sprache und Welt, 3. die Theorie der Grammatik der Sprachen. Die Schlüsselfragen: Wie kann ich, erstens, wissen was ich denke, bevor ich höre, was ich sage? Was zweitens, wird aus meinem Verhältnis zu den anderen, zur Außenwelt und zur eigenen Innenwelt, wenn ich mich sprachlich zu artikulieren weiß? Und was, drittens, macht die grammatische Darstellung sprachlicher Ausdrucksweisen und Ausdrucksformen aus? Wie, beispielsweise, verträgt sich bei Tomasello der Grice-Konventionalismus mit den Wittgenstein-Konnotationen? Und wie, zum Beispiel, der grammatische Funktionalismus mit seinem semantischen Kulturalismus? (Aktuelle Hefte der Deutschen Zeitschrift für Philosophie haben mit der Debatte auch darüber begonnen; siehe Tomasello/Moll 2011.) Zum wissenschaftstheoretischen und methodologischen Kontext der empirischen (sprach)psychologischen Forschung mit Bezug auch auf Tomasellos Entwicklungsforschung siehe Ratner 2012.

Ein grundlagentheoretisches Problem der Sign-Mind-Brain-Forschung spielt hier eine wesentliche Rolle: das Problem der Emergenz sozialkognitiver Kompetenzen innerhalb bestimmter kultureller Milieus und ihrer genuinen Symbolsysteme. Naturalistische Emergenztheorien sind in dieser Hinsicht symboltheoretisch offensichtlich überfordert; sie ssind sprach-, schrift- und medientheoretisch konzeptionell betriebsblind. Tomasellos Theorie und Empirie der kulturellen Evolution, Genese, Tradierung und Transformation der humanen kognitiven Fähigkeiten ist dagegen medialtätstheoretisch intendiert; es ist die produktive Aneignung der symbolischen Medien der Kultur(en), die unsere wesentlichen kognitiven Fähigkeiten zu entstehen, in Anspruch zu nehmen und zu fördern ermöglicht (Tomasello 2011):

However, it is also clear that no human could do any of the complex 30 things he or she does with a biological predisposition alone; that is to say, no 31 human could invent any of the complex cognitive practices and products of 32 the species without a preexisting cultural world within which to grow and 33 learn. A biologically intact human child born outside of any human culture— 34 with no one to imitate, no one to teach him or her things, no language, no 35 preexisting tools and practices, no symbol systems, no institutions, and so 36 forth—also would not develop normal social-cognitive skills. Both biology and culture are necessary parts of the process. (Tomasello 2011; 37 pdf)

Die Konsequenzen der Studien Tomasellos für die empirische Entwicklungsforschung, für die empirische Sprachdiagnostik sind außerordentlich weitreichend: Wenn wir Ernst damit machen, dass Kinder schon während des frühen Spracherwerbs ein elementares Sprachverständnis haben, dann kommen wir um eine rekonstruktive Empirie nicht herum; dann kann es nicht so sehr darum gehen, wie wir als Beobachter verstehen, was Kinder zu verstehen geben, sondern viel eher darum, wie sie sich selbst im Fall eines (intelligent provozierten) Fremdverstehens reflexiv artikulieren. Auf genau so eine experimentelle psycholinguistische Praxis stellt Tomasello wohl ab.

Sprachfähigkeit

Problemfeld